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24.03

Disney Plus mischt deutschen Streamingmarkt auf

von Lisa Priller Gebhardt unter TV

Heute startet die neue Streaming-Plattform Disney Plus. Der riesige Medienkonzern wird den Markt in Deutschland aufmischen. Wer profitiert, wer hat das Nachsehen? Und kommt das durch Corona ohnehin schon stark strapazierte Netz nicht langsam an seine Kapazitätsgrenzen?

Deutschland-Start von Disney mit großem Angebot

Disney Plus-Original zum Start: Lady and the tramp, eine Bearbeitung von Susi und Strolch. Foto: Disney Plus

Das neue Streaming-Programm setzt sich aus den Marken Disney, Pixar, Marvel, Star Wars und National Geographic zusammen. Insgesamt werden zum Deutschland-Start von Disney Plus über 500 Filme, 350 Serien und 25 Originals verfügbar sein.

Das Angebot hat international bereits viele Fans für sich eingenommen: Disney Plus soll seit dem US-Start im November 2019 bereits mehr als 28 Millionen Nutzer gewonnen haben. Zum Vergleich: Netflix bietet seinen Service seit etwa zehn Jahren an und hat circa 170 Millionen zahlende Nutzer.

Der Disney-Konzern, dessen deutscher Ableger in München sitzt, peilt nach eigener Aussage bis Ende 2024 rund 90 Millionen Abonnenten an. Um das zu erreichen, wird er in diesem Jahr eine Milliarde Dollar in Eigenproduktionen investieren, bis 2024 soll die Zahl auf 2,5 Milliarden ansteigen. Ob sich das, jetzt in der Corona-Krise, wo viele Dreharbeiten eingestellt wurden, auch realisieren lässt, muss man erst abwarten. Eines aber steht fest: Disney greift an.

Optimistische Nutzerprognose

Doch wie wird der neue Dienst in Deutschland ankommen, wo neben den großen Playern Amazon und Netflix, auch Sky, TV Now (RTL) und Joyn (ProSiebenSat.1/Discovery) am Start sind? Bei einer aktuellen und repräsentativen Goldmedia-Befragung von Viedo on Demand-Nutzern (VOD) in Deutschland geben 3,7 Millionen an, Disney Plus nach dem Start Ende März nutzen zu wollen. „Das Interesse ist also sehr hoch“, sagt Dr. Florian Kerkau, Geschäftsführer Research bei der  Berliner Forschungs- und Beratungsgruppe Goldmedia. „Die von uns erhobenen Zahlen geben einen sehr optimistischen Ausblick“, sagt Kerkau. Man müsse das jedoch genau im Blick behalten, denn nicht aus allen 3,7 Mio. Interessenten werden tatsächlich auch Abonnenten.

Doch nicht nur die Forscher, auch die bestehenden Player werden sich genau ansehen, wie sich Disney Plus entwickelt. Schon jetzt ist klar: Das Verdrängungspotenzial ist hoch und jedes Angebot, das dazukommt, führt zwangsläufig zu Nutzerwanderungen. Denn deutsche VoD-User abonnieren durchschnittlich nur zwei Streamingdienste. „Für 75 Prozent der Befragten sind zwei sogar das Maximum“, so Kerkau weiter. Ausgeben wollen die Deutschen dafür maximal rund 20 Euro.

Wettbewerbsstarker Streamingmarkt in Deutschland

Dr. Florian Kerkau von Goldmedia. Foto: Goldmedia

Kerkau geht davon aus, dass sich die meisten Nutzer für ein Basisangebot entscheiden und Disney dazu buchen werden. Ein gewisser Verdrängungswettbewerb bleibt also nicht aus. Doch welche Anbieter wird es treffen? In erster Linie werde sich Sky auf Wechseltendenzen einstellen müssen, so Kerkau: „15,8 Prozent erwägen eine Abwanderung.“ Ursprünglich haben die Forscher vermutet, dass der Neustart zulasten von  Netflix gehen würde. Die Befragung hat jedoch ergeben, dass nur sechs Prozent planen, den Dienst für Disney Plus zu verlassen.

Die beiden Sendergruppen RTL und ProSiebenSat.1 dürften den Start ebenfalls mit Spannung erwarten, zumal sich Disney die ehemalige Digital-Geschäftsführerin von ProSiebenSat.1, Eun-Kyung Park, als Streaming-Topmanagerin geholt hat. Sie hat unter anderem den von langer Hand geplanten Start von Joyn mit begleitet und bringt reichlich Expertise mit. „Unserer Meinung nach werden die beiden Streamingtöchter der großen Sendergruppen RTL und ProSieben von dem Neueintritt Disneys relativ unbelastet bleiben“, sagt Kerkau. Im Gegenteil: Er glaubt, auch werbefinanzierte Plattformen werden weiter an Bedeutung gewinnen, denn 11,3 Prozent der Nutzer wollen verstärkt auf solche Angebote ausweichen.

Neue Vertriebswege dringend gesucht

Ganz nach dem Motto „Content ist King, Vertrieb ist Kingkong“ hat sich Disney, das selbst über keinen Vertriebskanal in Deutschland verfügt, bereits mit der Telekom zusammengetan. „Die Tatsache, dass Disney Plus im Vergleich zur Konkurrenz nur die Hälfte kostet, lässt schon erahnen, worum es geht: Es ist der Schrei nach Verbreitung“, so der Forscher von Goldmedia. Telekom-Kunden erhalten das Angebot von Disney Plus nämlich sechs Monate geschenkt. Nach Ablauf der kostenlosen Testphase liegt der reguläre Preis im Monat dann weiter bei lediglich fünf Euro im Vergleich zu den regulär knapp sieben Euro.

Und im Gegensatz zu vielen anderen Dienstleistungen der Deutschen Telekom profitieren nicht nur Kunden aus dem Magenta-Programm. Auch diejenigen mit einem Mobilfunk-, Festnetz- oder Internet-Vertrag werden begünstigt. Um das Vertriebsnetz weiter zu stärken, ist ferner geplant, Disney Plus auf der Plattform Sky Q, wie auch schon bei Netflix geschehen, zu integrieren. „Das erscheint vor diesem Hintergrund als gute Maßnahme. Ist jedoch erst für 2021 geplant“, erklärt Kerkau.

Wird das Netz durch Streaming verstopft?

Seit die Deutschen aufgrund der Corona-Pandemie mehr streamen als je zuvor, werden immer wieder kritische Fragen laut. Die Sorge, dass das stundenlange Schauen von Serien das Netz über Gebühr verstopfen, treibt viele um. Netflix, Youtoube und Amazon Prime haben sich jetzt bereit erklärt, ihre Filme und Serien mit geringerer Bildqualität zu streamen. Das Datenvolumen wurde um 25 Prozent verringert. Und auch Disney will nachziehen.

Laut Kerkau wäre das gar nicht notwendig, seiner Meinung nach handelt es sich eher um einen PR-Trick. „Die Netze laufen nicht am Limit, und zwar noch lange nicht“, so der Experte. Das verfügbare Gesamtvolumen ist erst zur Hälfte ausgeschöpft. Aktuell sei durch das stärkere Nutzen von Streaming ein Anstieg von acht Prozent zu verzeichnen – im Vergleich zu den bisher genutzten Netzkapazitäten. Zwar könne das in den nächsten Wochen bis auf 20 Prozent klettern, aber die Netz-Kapazitäten seien noch lange nicht am Anschlag. Außerdem laufen die Netze noch sehr stabil. „Lediglich um 15 Uhr gibt es leichte Probleme, wenn die Amerikaner ihre Server hochfahren“, sagt Kerkau, der berufsbedingt den ganzen Tag über streamt.

Mehr Infos: Eine gute Übersicht über Kosten, Empfang und Inhalte von Disney Plus bietet z.B. Computerbild an.

 

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