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30.10

Wer Wut sät, erntet Likes – Autorin Ingrid Brodnig über Hass im Netz

von Ingrid Brodnig unter Netzwelt

Ingrid Brodnig,  Journalistin, Bloggerin und Autorin, erklärt die Mechanismen, die Hass im Netz begünstigen – und was wir trotzdem gegen überbordende Aggression machen können. Am 8. November 2017 spricht sie als Referentin auf den 15. Augsburger Mediengesprächen zum Thema „Hass im Netz“.

Hass im Netz ist oft darauf ausgerichtet, Andersdenkende verbal wegzuekeln

„Hure.“
„Ihr Idioten werdet hoffentlich bald hängen. Scheiß Gutmenschen ohne Sinn für die Realität.“
„Eines Tages erwacht ihr mit abgeschnittenen Köpfen.“

Das sind nur ein paar der Reaktionen, die eine junge Frau aus Berlin im Netz über sich lesen musste: Sie setzt sich für Flüchtlinge ein – und seit sie dies macht, erlebt sie ungeheuer viele harte verbale Attacken.

Ingrid Brodnig

Für Autorin Ingrid Brodnig geht es vor allem darum, dem Opfer zu signalisieren, dass es nicht alleine ist. / Bild: Republica15

Der Hass im Netz ist oft darauf ausgerichtet, Andersdenkende verbal wegzuekeln: Sie so herabwürdigend zu behandeln, dass sie sich gar nicht mehr trauen oder es ihnen zu mühsam erscheint, selbst noch das Wort zu ergreifen. „Silencing“ nennt man das, wenn man mit Aggression Andersdenkende wegmobbt.

Häufig schreiben Menschen online Dinge, die sie kaum jemandem ins Gesicht sagen würden

Woran liegt das, dass im Netz die Tonalität oft besonders rau wird? Und wie kann man sich dagegen wehren?

Wir können häufig beobachten, dass Menschen online Dinge schreiben, die sie wohl kaum jemandem ins Gesicht sagen würden. Warum ist das so? Weil Empathie auch eine körperliche Reaktion ist: Es geht oft gar nicht so sehr darum, was wir sagen, sondern wie wir es sagen, wie die Stimme höher oder tiefer wird, wie man dabei dreinblickt, das beeinflusst Empathie.

Doch gerade diese Information fehlt online: Weil wir online meist schriftlich kommunizieren, fallen diese nonverbalen Signale weg. Das nennt man die „Unsichtbarkeit“ im Internet. Man muss nicht mitansehen, wie eine Frau gekränkt den Blick abwendet, weil man sie gerade als „Hure“ beschimpft hat. Es ist leichter, so hart zu sein, wenn man seinem Gegenüber dabei nicht in die Augen sehen muss.

In Situationen, in denen man Augenkontakt hatte, fielen weniger Beleidigungen und Bedrohungen

Dazu gibt es eine interessante Studie. Die israelischen Wissenschaftler Noam Lapidot-Lefler und Azy Barak ließen Menschen über das Internet diskutieren. Und bei einem Teil dieser Diskussionen waren auch Webcams installiert, über die Studienteilnehmer Augenkontakt hatten. Dann stellte sich heraus: In jenen Situationen, in denen man Augenkontakt hatte, fielen weniger Beleidigungen und Bedrohungen.

Die Unsichtbarkeit vieler digitaler Debatten ist einer der Faktoren, die zur sogenannten „Online-Enthemmung“ führt. Das zweite Problem ist, dass oft Schreihälse geradezu belohnt werden. Nicht nur US-Präsident Donald Trump erreicht mit beleidigenden Tweets oft ein immenses Publikum.

Kommentare mit Schimpfworten erhielten mehr Likes

Die Wissenschaftler Daegon Cho und Alessandro Acquisti fanden im Jahr 2013 heraus, dass Postings mit Schimpfworten mehr Zuspruch erhalten. Sie analysierten 75.000 Leserkommentare auf südkoreanischen Nachrichtenseiten und sahen: Kommentare mit Schimpfworten erhielten mehr Likes, sie ernteten öfters Bestätigung. Wer also stänkert, dem wird signalisiert, nur weiter so, Daumen hoch.

Die Unsichtbarkeit im Netz, speziell der fehlende Augenkontakt, sowie das positive Feedback für Rüpel, das sind zwei Faktoren, die die Aggression online begünstigen – und es gibt noch weitere. Die gute Nachricht ist aber, dass ebenso Gegenstrategien existieren. Einerseits haben wir im deutschsprachigen Raum strenge Gesetze gegen Tatbestände wie üble Nachrede, Bedrohung oder gar Verhetzung – diese Gesetze wurden eingeführt, damit Bürger sie nutzen. Sie sollten auch genutzt werden.

Es braucht Zivilcourage

Das Strafrecht zeichnet eine klare rote Linie in unserer Gesellschaft, doch mit dem Strafrecht allein können wir das Problem nicht lösen: Es braucht auch Zivilcourage. Denn manche Postings sind zwar gehässig, aber nicht illegal. Der Satz „Alle Politiker gehören mit Eisenstangen verprügelt“ erfüllt zum Beispiel keinen Tatbestand. So eine Äußerung ist zu vage, um juristisch als Bedrohung gegen einen konkreten Politiker eingestuft zu werden. Nichtsdestotrotz ist diese Aussage herabwürdigend: Und es ist völlig in Ordnung, wenn man als Bürger auf so eine Wortmeldung entgegnet, dass niemand mit Eisenstangen verprügelt werden soll – und man diese Worte erschütternd findet.

Eine Lösungsstrategie ist also Widerspruch – und vor allem Solidarität mit Betroffenen. Zum Beispiel kann man online in erhitzten Zeiten posten: „Ich finde es nicht in Ordnung, wie über XYZ gesprochen wird.“ Hier geht es vor allem darum, dem Opfer zu signalisieren, dass es nicht alleine ist.

Humor kann entwaffnend sein

Zum Schluss ein Tipp: Humor kann entwaffnend sein. Ein Beispiel einer Prominenten: Im Jahr 2015 plädierte die „Harry Potter“-Autorin J.K. Rowling für Empathie gegenüber Flüchtlingen. Sie schrieb auf Twitter: „Wenn du dir nicht vorstellen kannst, selbst in einem dieser Boote zu sitzen, fehlt dir etwas. Diese Menschen hoffen auf ein lebenswertes Leben. #refugeeswelcome“

Ein Nutzer leitete ihren Tweet weiter und schrieb dazu: „Das sagt die Millionärin mit ihrem goldenen iPhone in ihrer Villa.“ J.K. Rowling hätte sich aufregen können, sie hätte diesen Tweet auch einfach ignorieren können. Aber stattdessen schrieb sie zurück: „Ich würde ja eine längere Antwort eintippen. Aber die Tastatur aus Diamanten tut meinen Fingern wirklich weh.“ Und sie erntete den Applaus von zigtausenden Nutzern auf Twitter: Humor zeigt eben auch, dass man trotz harter Beleidigungen sich nicht so leicht unterkriegen lässt.

 


Zur Person: Ingrid Brodnig ist Autorin der Bücher „Hass im Netz“ und „Lügen im Netz“, die sich mit unfairer Meinungsmache im Internet beschäftigen – von Hasskommentaren bis Falschmeldungen.

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