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14.11

Mit Netzcourage gegen das Cybermobbing

von Bettina Pregel unter Medienkompetenz

Es war einmal das „Hässliche Entlein“ im Kinderfernsehen. Heute sind es Fotos oder verletzende Posts im Netz. „So what?“, fragen viele. Das sind eben die jetzigen Mittel im Medienalltag von Kindern und Jugendlichen. Eine Haltung, die mit Blick auf das immer problematischer werdende Cybermobbing nicht nachzuvollziehen ist. Schulen und Jugendeinrichtungen versuchen – mit Unterstützung der Landesmedienanstalten – Präventionsmaßnahmen zu ergreifen. Trotzdem gibt es Handlungsbedarf: Das zeigte auch die 20. Fachtagung des Forums Medienpädagogik in der BLM mit dem Appell nach mehr „Netzcourage“. 

Besucher Cybermobbing-Tagung

Erfahrungsaustausch der Tagungsbesucher zum Thema Cybermobbing. Fotos: H. Seisenberger/BLM

Durch seine Anonymität und Dynamik hat Mobbing im Netz Folgen, die alle Beteiligten häufig nicht einschätzen können. „Digitaler Smalltalk kann sich so hochschaukeln, dass es für die Opfer nicht mehr zu ertragen ist“, weil sie keine Rückzugsmöglichkeiten mehr hätten, beschrieb BLM-Präsident Siegfried Schneider zum Auftakt der Fachtagung das Phänomen Cybermobbing. Das Thema der gut besuchten Veranstaltung im November 2014: „Necken, verspotten, schikanieren? Wann Cybermobbing beginnt und was man dagegen tun kann.“

Ethik der Achtsamkeit entwickeln

Im Laufe der Tagung verfestigte sich der Eindruck, dass bei Präventionsmaßnahmen künftig noch stärker die Rolle der „Bystander“ berücksichtigt werden sollte, also derjenigen Menschen, die das Mobbing beobachten, aber nichts dagegen unternehmen. So forderte die Medienwissenschafterlin Prof. Dr. Petra Grimm in ihrem Vortrag über verletzendes Onlineverhalten, mehr „Netzcourage als neue Form der Zivilcourage“ zu zeigen und eine „Ethik der Achtsamkeit“ zu entwickeln.

Petra  Grimm

Forderte eine Medienethik der Achtsamkeit: Prof. Dr. Petra Grimm.

In einem Gespräch mit BLMplus am Rande der Tagung erläuterte Grimm: „Dazu braucht es Mut, dazu braucht es Befähigung.  Es braucht aber auch so etwas wie ein Ethos der Achtsamkeit und Fürsorge, damit man sich überhaupt in der Lage fühlt, hier aktiv und erfolgreich etwas zu tun.“ Das Institut für digitale Ethik an der Hochschule für Medien in Stuttgart und die Initiative Klicksafe entwickeln deshalb gerade gemeinsam ein medienethisches Handbuch mit Arbeitsblättern für Schulen und Jugendarbeit, um eine Sensibilisierung für die unterschiedlichen Verletzungsarten des Cybermobbing zu schaffen.

Eine solche Sensibilisierung, so Grimm, könnte im besten Fall zu mehr Empathie der Beteiligten führen. In der praktischen Umsetzung lasse sich das vor allem durch narrative Formen erreichen. In Form von Geschichten könnten Konfliktsituationen plastischer, anschaulicher und emotional zugänglicher präsentiert werden. „Denn, sich ethisch zu verhalten, ist nicht nur eine Frage des Verstandes oder der Vernunft, sondern es hat auch etwas mit moralischem Gefühl zu tun. Und das können Sie über Geschichten am besten provozieren“, begründet die Medienwissenschaftlerin die Vorgehensweise. Eine Perspektive, die es verdient, auch in der Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit zu finden.

Bloßgestellt im Netz

beatrix benz

Beatrix Benz

Konfliktsituationen schaffen und Lösungwege aufzeigen: Wie gut entsprechende Planspiele zum Cybermobbing in der Präventionsarbeit funktionieren können, zeigte Beatrix Benz von der Aktion Jugendschutz der Landesarbeitsstelle Bayern.

Zu Aufbau, Funktionsweise des Planspiels „Bloßgestellt im Netz“ und den Erfahrungen, die damit gesammelt wurden, haben wir ein Gespräch mit der Referentin für Jugendmedienschutz und Medienpädagogik der Aktion Jugendschutz geführt:

Das entsprechende Heft mit einer CD zum Planspiel kann bei der Aktion Jugendschutz bestellt werden genauso wie dort Schulungen dazu stattfinden – Angebote, die laut Benz häufig und gern wahrgenommen werden. Bedarf seitens der Schulen oder Jugendeinrichtungen ist also vorhanden.

Was Eltern bewegt

Bleiben noch die Eltern von möglichen Opfern, Tätern oder Mitläufern: In ihrer Generation hatten sie mit Cybermobbing noch nichts zu tun und wissen zu wenig darüber, so die Beobachtung von Oliver Arnold. Als Referent des Medienpädagogischen Referentennetzwerks Bayern der Stiftung Medienpädagogik hat er auf vielen Elternabenden zum Thema „Soziale Netzwerke und Cybermobbing“ die Erfahrung gesammelt, dass sich viele Eltern genaue Interventionsanleitungen wünschen und das Problem offenbar häufig auf die technische Seite reduzieren. Am liebsten wäre Ihnen ein Warnbutton auf dem PC mit dem Text: „Bei Ihrem Kind wurde Cybermobbing entdeckt!“ und eine technische Lösung dazu.

Oliver Arnold

Was Eltern bewegt, wusste Oliver Arnold vom Medienpädagogischen Referentennetzwerk Bayern.

Wer sich aber nur auf technische Regeln verlasse, „vernachlässigt die emotionale Seite“, betont Arnold. Was die Schülerseite betrifft, sieht der Berufsschullehrer insbesondere die Mitverantwortung der „Bystander“ problematisch, weil sie den Verlauf des Cybermobbing begünstigten. Die Schüler und Schülerinnen wären mit Blick auf das Cybermobbing zwar insgesamt reifer geworden, so sein Eindruck, würden aber immer noch viel zu spät erkennen, dass es sich nicht mehr um harmlose Neckereien handele.

Wenn Empathie fehlt

Der Ruf nach mehr Netzcourage hat im Zeitalter mobiler Kommunikation also aus Sicht aller Tagungsreferenten seine absolute Berechtigung. Schwierig in einer Zeit, in der nach meinem Eindruck die Zivilcourage insgesamt abgenommen hat und die Erziehung zur Empathie immer wieder durch negative Vorbilder in bestimmten Castingshows oder anderen Quotenbringern unserer Mediengesellschaft konterkariert wird. Und gerade im Netz ist es eben schwierig, gegen anonyme Häme und Schikane anzukämpfen.

 

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