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14.03

Fake News und Wahlen: Danke, Donald Trump!

von Stephan Weichert unter Netzwelt

Die sozialen Netzwerke haben unser Infomations-Ökosystem durch Fake News & Co auf den Kopf gestellt, findet Journalismus-Professor Stephan Weichert, Mitgründer der Kampagne #netzwende. Wir haben ihn gefragt, wie Fake News Wahlen beeinflussen und was sie für den Journalismus bedeuten. Mit dem Gastkommentar von Prof. Weichert startet blmplus eine Reihe von Beiträgen, die das Thema des BLM-Forums „Soziale Medien und Wahlen“ aufgreifen.

Donald Trump ist ein Desaster für den Journalismus – und zugleich das Beste, was dem Metier passieren konnte. Immer wieder bezichtigt Trump Journalisten der Lüge. Er verunglimpft sie und  beleidigt ihre Intelligenz, indem er Falschmeldungen am laufenden Band verbreitet. Meine These: Langfristig wird sich der US-Präsident damit vor allem selbst schaden – und den professionellen Nachrichtenmedien nutzen.

Die personifizierte Fake News

Trump ist die personifizierte Fake News – wenn die Konsequenzen seiner Kommunikation nur nicht so real wären. Dass sich Journalisten nun intensiv und gewissenhaft, vor allem an den Fakten orientiert, mit Trump beschäftigen, ist genau das richtige Gegengift. Nachdem sie ihm im Wahlkampf nicht ernst genommen hatten, haben sie nun aus diesem Fehler gelernt. Sie versachlichen die Debatte, sind zurück in der Rolle des Rechercheurs, der im Mist wühlt, um Trumps Verfehlungen aufzudecken.

Fake News und Wahlen - Trumps Motto

Trumps Ziel ist klar: Um es zu erreichen, scheut er auch nicht vor Fake News zurück. Foto: Fotolia

Natürlich geht Trump auch deshalb so respektlos mit Journalisten um, weil er überzeugt ist, nicht auf sie angewiesen zu sein. Er erreicht dank seiner gigantischen Zahl an Anhängern in den sozialen Netzwerken so viele Wähler auf direktem Weg wie kein Präsident vor ihm.

Dass die klassischen Medien damit übergangen werden, kann für eine Demokratie gefährlich werden. Und natürlich bringt guter Recherchejournalismus wenig, wenn ihn keiner mehr zur Kenntnis nimmt. Etablierte Medien müssen deshalb dafür sorgen, dass sie die wahren Nachrichten noch stärker über Facebook, Twitter, YouTube, Snapchat und Co. ans Wahlvolk bringen.

Fake News haben vergleichsweise lange Karrieren

Jugendliche und junge Erwachsene beziehen inzwischen einen Großteil ihrer Informationen aus sozialen Netzwerken. Das ist in Amerika viel extremer als in Europa: Teenager und Twens können häufig nicht mehr zwischen seriösen Nachrichtenquellen und Privatmeinung unterscheiden. Weil Informationen nur oberflächlich gelesen werden und keine Plausibilitätstests mehr gemacht werden, besteht die Gefahr, leichter auf Fake-News hereinzufallen. Informationen wie „Papst Franziskus unterstützt Trump bei der Präsidentschaftskandidatur“ werden unreflektiert geteilt, gehen dann im Netz viral und werden als Tatsache hingenommen.

Das Perfide an Fake News ist, dass sie sich bei Facebook oder YouTube gleichrangig neben Informationen hoher Güte und Qualität einnisten und dort vergleichsweise lange Karrieren haben. Es gibt Betreiber eigener Fake-News-Websites wie http://www.anonymousnews.ru, http://info.kopp-verlag.de, https://blog.halle-leaks.de oder http://noch.info – und sie leben offenbar auch gut davon. Manche ihrer Informationen werden massenhaft geteilt und tauchen im Google-Pagerank ganz oben auf, während andere ein Nischendasein fristen, aber trotzdem im Netz über Jahre existent sind. Da Fake News häufig schwer zu enttarnen sind, hat sich hier eine Eigendynamik entwickelt, die so früher für Falschmeldungen nicht gegolten hat. Wenn eine Zeitung eine Ente veröffentlicht, dann war sie bemüht, das am nächsten Tag richtigzustellen.

Staat darf nicht Rolle eines Zensors übernehmen

Die BLM lädt am 29. März zur Diskussion ein. foto: Fotolia

Facebook und andere soziale Netzwerke haben unser Informations-Ökosystem somit einfach auf den Kopf gestellt. Jeder hat Zugriff, jeder kann sich wie ein Medium artikulieren, ohne dass dies ein Journalist recherchiert oder geprüft hat. Um eine Falschmeldung zu korrigieren, müsste man versuchen, die gleichen Leute zu erreichen.

Das ist aber in der Regel nicht zu schaffen, weil man dazu die gleiche Anzahl Twitter-Follower, YouTube-Abonnenten oder Facebook-Fans adressieren müsste. Es ist also auch ein opakes Kräfteverhältnis in unserem Mediensystem entstanden, das es so früher nicht gegeben hat.

Ich bin der Meinung, man müsste Falschnachrichten umgehend löschen, bevor sie sich weiterverbreiten, und diejenigen, die sie verfasst haben, zur Rechenschaft ziehen. Facebook ist zwar eine Infrastruktur für Informationen, bildet aber zusammen mit YouTube momentan das Hauptträgermedium von Fake News.

Ich sehe deshalb gerade die Unternehmen in der Pflicht juristisch durchzugreifen, wenn es um üble Nachrede, Verleumdung, Radikalisierung und Volksverhetzung geht. Keinesfalls sollte es staatliche Zensurbehörden geben, die das kontrollieren. Dass der Staat die Rolle eines Zensors übernimmt, ist in einem demokratischen Mediensystem schlicht undenkbar.

Trump ist das Beste, was Journalismus passierten konnte

Im Grunde genommen sind Populisten wie Trump das Beste, was dem Journalismus passieren konnte. Erstens, weil Trump und seine Mitstreiter die Relevanz qualifizierter Berichterstattung erhöhen. Das zeigen etwa die nennenswerten Auflagensteigerungen von Qualitätszeitungen und deren Digitalabos in Amerika. Je schwieriger es wird, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden, desto wichtiger werden die etablierten Medien als Anlaufstelle für seriöse Informationen und Orientierung. Zweitens, weil Populisten wie Trump eher ihre eigene Glaubwürdigkeit und die ihres Amtes beschädigen als die der Zeitungen und Fernsehsender, die sie für dumm verkaufen wollen.

Und es gibt noch einen dritten Grund, mit dem wir umzugehen lernen müssen: Das Trump-Debakel hat nicht nur zu höheren Auflagen bei den Qualitätsmedien geführt, sondern auch viele Journalisten zu Aktivisten gemacht. Er ist mitverantwortlich dafür, dass daraus das neue Berufsbild „Journavisten“ entsteht. Freilich hat es Haltung im Journalismus schon immer gegeben. Aber dass Medienvertreter sich derart geschlossen gegen einen Staatsmann verbünden, sorgt für eine Repolitisierung unter Intellektuellen, Medienschaffenden und Kreativen, wie wir sie bisher eigentlich nur aus Diktaturen kannten. In Deutschland und Europa wird es ähnliche aktivistische Bewegungen geben. Und das ist auch gut so.

Fake News & Co: ein Thema im Bundestagswahlkampf 2017

Das Thema Fake News wird auch 2017, im Jahr des Bundestagswahlkampfs, an Bedeutung gewinnen. Einen solchen Super-GAU wie in den USA wird es jedoch vermutlich nicht geben: Weil die Politik in Deutschland nicht so stark personalisiert und das Bildungsniveau in der breiten Bevölkerung höher ist als in den USA, ist das Erfolgsrisiko für Populisten hierzulande geringer. Aber ausschließen kann man nichts. Skepsis ist nicht nur gegenüber den Fake-News-Fabriken in Russland angebracht, sondern auch bei Social Bots und Algorithmen, die einen massiven Einfluss auf die politische Meinungs- und Willensbildung der Wähler ausüben. Fake News sind im Zeitalter der medialen Beliebigkeit also die Spitze des Eisbergs, den viele Journalisten erst langsam erkennen. Die Medien haben – Danke, Donald Trump! -nun ihre Lektionen gelernt, um ein solches Debakel wie im US-Wahlkampf zu verhindern.

Veranstaltungshinweis:

Das BLM-Forum „Fake News, Social Bots & Co: (Soziale) Medien und Wahlen findet am 29. März von 14.30 – 16.30 Uhr statt. Nach einer Keynote von Prof. Dr. Katharina Zweig über den Einfluss von Algorithmen auf Wahlen wird Prof. Dr. Stephan Weichert zur Aufgabe des Journalismus im Wahlkampf interviewt. Zum kompletten Programm und zur kostenlosen Anmeldung geht es hier.

 

2 Kommentare

2 Kommentare zu: Fake News und Wahlen: Danke, Donald Trump!

  1. Vale sagt:

    Ja Falschmeldungen werden gestreut aber wie kommt man dem Verursacher in der Geschäftswerdung der Welt bei? Nach der sog. Wahrheitsbewegung wurden FakeNews entwickelt und wie ich heute hörte von jemandem schon gedroht diese zu streuen! Der Ausweg ist Medienkompetenz – eben nicht mehr das gute alte Tagblatt sondern die Erfahrung – auf Seite xyz gehe ich nicht mehr oder in fünf Jahren hat sich herausgestellt wer vertrauenswürdig ist und wer nicht. Vielleicht ist das auch die Entwicklung der vierten Säule der Demokratie und sind mitten drin…

    1. Bettina Pregel sagt:

      Medienkompetenz ist wichtig, um zu erkennen, dass man nur seriösen Quellen vertrauen sollte, und um herauszufinden, welchen Informationen man trauen kann. Wir vermitteln den jungen Nutzern in den Schulen insbesondere über den Medienführerschein Bayern Medienkompetenz.

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