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07.08

Karteizeichen – Start-ups setzen auf die Blockchain-Technologie

von Benedikt Frank unter Netzwelt

Wie lässt sich in Zeiten von Fake News und Medienkonzentration Vertrauen wiederherstellen? Start-ups setzen auf die Blockchain-Technologie, die Digitales so unveränderlich macht, als wäre es auf Papier gedruckt.

Die Macher von Civil träumen groß. Der Hype um die Kryptowährung Bitcoin scheint gebrochen zu sein, der Kurs stürzte zuletzt ab; in der zugrunde liegenden Technologie, der Blockchain, sehen dennoch weiter viele die Zukunft des Internets. Und mit ihr die von Online-Publikationen. Beim US-Projekt Civil arbeiten Journalisten daran, ihr Gewerbe mithilfe des Verfahrens neu zu erfinden: Sie wollen den Journalismus aus den Fängen von Populismus und Profitgier befreien, er soll demokratischer, unabhängiger und glaubwürdiger werden.
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„Die Blockchain kann so gut wie sonst keine Technologie Vertrauen bilden“, so David Moore (Gründer Opencongress) / Bild: Fotolia

Kryptografische Verfahren und tausendfache öffentliche Kopien verhindern Manipulationen

„Ich glaube, dass die Blockchain so gut wie sonst keine bekannte Technologie Vertrauen bilden kann“, sagt David Moore, Gründer von Opencongress, einer Website, die Gesetze und Geldflüsse im US-Kongress transparent macht. Sein Newsroom Sludge soll einer der ersten auf Civil sein. Moores Hoffnung liegt im Wesen der Technologie begründet: Die Blockchain kann man als eine Art digitale Kartei beschreiben, die durch kryptografische Verfahren und tausendfache öffentliche Kopien gegen Manipulation gesichert ist. Bei Bitcoin steht in dieser Kartei etwa, wer wie viele Einheiten besitzt. Kauft jemand etwas, wird die Transaktion auf einer neuen Karteikarte notiert, die wiederum jeweils ans Ende der Kette geheftet wird. Man kann in eine solche Kartei aber auch jede andere Information schreiben, also zum Beispiel auch journalistische Werke.

Seriöser Journalismus gewinnt

Die Civil-Pioniere sehen in Blockchain eine Technologie der Haftungsmachung. Durch sie wird auch Digitales so unveränderlich, als wäre es auf Papier gedruckt. Wenn selbst ein Kommafehler nicht mehr nachträglich im Geheimen korrigiert werden kann, gewinnt seriöser, sorgfältiger Journalismus, glauben die Civil-Macher. Zusammen mit US-Journalisten wollen sie in Zeiten von Fake News, existenzbedrohenden Klagen und großer Konzentration der Medien in den Händen weniger eine völlig neue Grundlage für den Qualitätsjournalismus schaffen. „Im Jahr 2016 ist alles, was wir für den Journalismus befürchtet hatten, auch eingetroffen“, sagt Maria Bustillos, bisher freie Journalistin für New Yorker und Guardian, die nun mit Popula eine der ersten Civil-Redaktionen leitet. Sie meint den Einfluss der großen Plattformen Facebook und Google, den werbefinanzierten Populismus von Fox News, aber auch den Fall des Milliardärs Peter Thiel, der die Website Gawker durch die Finanzierung von Gerichtsprozessen zu Fall brachte. Die Lösung mancher dieser Probleme ist für Civil ein Journalismus ohne Werbung und ohne Verlage.

„Die Blockchain ist für uns wichtig, weil sie beständige Archive ermöglicht“, sagt Matt Coolidge, einer der Gründer. Ganze Artikel können direkt auf die digitalen Karteikarten der Blockchain geschrieben werden, sie werden dann, auf viele Rechner verteilt, redundant gespeichert. Wenn das Projekt so gut angenommen wird, wie erhofft, auf denen von Tausenden Civil-Nutzern. Die Konsequenz: Die Artikel werden unlöschbar. Es könnte höchstens eine Korrektur auf der nächsten Karteikarte geben, aber den ursprünglichen Inhalt zu verbieten, ist technisch kaum möglich.

Eine Infrastruktur für Angebote von Medienmachern

Civil ist für ein journalistisches Start-up sehr gut vorfinanziert: Fünf Millionen Euro hat das auf Blockchain spezialisierte Unternehmen Consensys beigesteuert. Mit einer Million sollen nun zunächst fünf Newsrooms, darunter Sludge und Popula, mit insgesamt 30 Journalisten finanziert werden. „Unser Fokus liegt auf Lokal-, Investigativ- und Politikjournalismus“, sagt Coolidge, „denn die sind durch die Medienkrise am meisten bedroht.“ Die Popula-Redaktion etwa will Journalismus aus der ganzen Welt einem englischsprachigen Publikum zugänglich machen, Sludge über den Einfluss des Geldes auf die Politik berichten. Der Anspruch der Macher ähnelt dem des deutschen Start-ups Krautreporter, das vor einigen Jahren mit viel Enthusiasmus angetreten ist, bürgerfinanzierten Journalismus im Netz neu zu erfinden. Doch will Civil selbst kein weiteres Nachrichtenangebot sein, sondern eine Infrastruktur für Angebote von Medienmachern aufbauen.

Damit das Civil-Ökosystem nicht missbraucht wird, soll im Programmcode auch eine Art Verfassung verankert sein, die basisdemokratische Entscheidungen garantieren, aber Störenfriede fernhalten soll. Abgesichert, natürlich, via Blockchain. Civil ist so gewissermaßen als digital organisierte Genossenschaft zu verstehen, mit vielen stimmberechtigten Mitgliedern. Einen Teil der Einnahmen steckt diese in ihre Plattform und in Stipendien für Journalisten. Ihre Konsensfindung würde der des Online-Lexikons Wikipedia gleichen. Komplett verlassen will man sich auf das Vertrauens-Management durch die Blockchain schließlich aber doch nicht. Ein oberstes Gericht aus anerkannten Journalisten und Journalistenausbildern soll bei Grundsatzentscheidungen das letzte Wort haben. Auch die Apologeten der digitalen Zukunftstechnologie sichern ihre Vision also durch handwerkliche Erfahrung ab.

Die Chance, von Anfang an mitzugestalten

Dass die Blockchain das Mediengewerbe verändern könnte, haben mittlerweile auch deutsche Verlage erkannt, obwohl sie dabei nicht so idealistisch klingen wie die Civil-Macher. „Auf das Entstehen des Internet und der sozialen Medien haben die Verlage weltweit viel zu wenig Einfluss genommen“, sagt Ingo Rübe. „Jetzt haben wir die große Chance, die nächste Internet-Technologie von Anfang an mitzugestalten, und die wollen wir nutzen.“ Der bisherige Technikvorstand des nationalen Verlagsgeschäfts bei Burda ist seit Januar Geschäftsführer des verlagseigenen Start-ups Bot Lab. Dort sollen Blockchain-Anwendungen entstehen, am besten solche, die für das Magazin-Geschäft nützlich sind. Auch die Nachrichtenagentur dpa und die Wochenzeitung Die Zeit sind an der Technologie interessiert. Beide sind Partner des Content Blockchain Projects, das von der Google Digital News Initiative gefördert wird.

Den Journalismus per Blockchain komplett umkrempeln will man im deutschsprachigen Raum zunächst also nicht. Wenig verwunderlich, will doch Civil auch die Verlage als Zwischenhändler von Journalismus obsolet machen. Bei diesen ist man stattdessen an kommerziell nutzbaren Anwendungen interessiert, die einfacher zum Geschäftsmodell passen: den „Smart Contracts“. Das sind Verträge, die auf die Karteikärtchen der Blockchain geschrieben werden. Der Inhalt eines Vertrags wird mittels Kryptografie quasi versiegelt. Anstelle eines Notars beglaubigen dann unzählige Nutzer, dass die Vertragsparteien genau dieses Abkommen getroffen haben. Noch ist kaum abzusehen, wohin die Blockchain-Technologie die Medien führt. Doch durch das große Interesse wird es immer wahrscheinlicher, dass früher oder später etwas entsteht, das man benutzen will. Prominente Personalien nähren diese Hoffnungen. So wechselte kürzlich Jarrod Dicker als Geschäftsführer zum Blockchain-Start-up Po.et, das an einem Ökosystem für die Verifizierung und Lizensierung von Medieninhalten per „Smart Contract“ arbeitet. Als Vizechef der Innovationsabteilung bei der Washington Post galt Dicker als einer, der den richtigen Riecher hat.

Dieser Beitrag ist zuerst im März in der Süddeutschen Zeitung erschienen.

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