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05.05

Die Blickdichter – Virtual Reality Dokus beim DOK.fest

von Benedikt Frank unter Netzwelt

Das DOK.fest präsentiert mit seinem Virtual Reality (VR) Pop Up Kino dokumentarische VR- und 360°-Projekte im Loftcube des Designers Werner Aisslinger vor der Pinakothek der Moderne. Die neue Medienspielart polarisiert wie kaum eine andere. Die einen halten sie für den Inbegriff von Zukunft, die anderen sehen in ihr eine Jahrmarktsattraktion mit geringer Halbwertszeit. Unser Autor war vor Ort und berichtet auf blmplus.de von seinem Blick durch die Brille.

Das Universum in der Brille auf dem DOK.fest 2017

Etwa ein Dutzend Journalisten sitzt und schaut. Zum Himmel, zum Boden, mal starrt einer fast regungslos scheinbar in die Ferne, dann rotiert wieder ein schwarzer Drehstuhl und jemand mustert vorsichtig, was hinter ihm passiert. Alle befinden sich im gleichen Raum und doch ist jeder an einem anderen Ort.

Der Loftcube des Designers Werner Aisslinger vor der Pinakothek der Moderne / Foto: BLM

Das DOK.fest hat zum Pressetermin geladen. Im Loftcube vor der Pinakothek der Moderne führt das Festival besondere Dokumentarfilme vor: Virtual-Reality-Dokus, Filme ohne festen Bildausschnitt, bestehend aus bewegten Rundumbildern, die das Geschehen in allen Himmelsrichtungen zeigen. Jeder einzelne Zuschauer trägt mit der VR-Brille eine eigene Welt auf der Nase.

Natürlich reizt die 360-Grad-Technologie Dokumentarfilmer. Seit den ersten Experimenten der Brüder Lumière bemühen diese sich, Teile der Wirklichkeit einzufangen, um sie andernorts vor Publikum wieder freizusetzen. Die VR-Brillen schaffen nun eine räumliche Illusion, ein Gefühl der Präsenz, sie teleportieren Zuschauer als unsichtbare Beobachter mitten in die Szenen hinein.

Sieben VR-Projekte von Dokumentarfilmern geben Einblick in das Fremde

Das Virtual Reality Pop Up Kino stellt sieben Projekte vor, die exemplarisch unterschiedliche Zugänge von Dokumentarfilmern zum neuen Medium zeigen. Da ist zunächst das dreiteilige Projekt „Nomads“ der in Montreal beheimateten VR-Filmer Félix Lajeunesse und Paul Raphaël. Sie überführen die dokumentarische Tradition des touristischen Blicks auf das Fremde und Exotische in die dritte Dimension. Ihre Filme gestatten den Eintritt in die Zelte mongolischer Yak-Hirten und in Lehmhütten der Maasai. Sie setzen die Zuschauer in die Boote der Sama-Bajau, die vor den Küsten Borneos in Stelzenbauten über dem Wasser leben.

Nicht wegschauen bei in Seenot geratenen Flüchtlingen

Das Exponat der Süddeutschen Zeitung entstand ebenfalls zu See. Nur ist diese hier kein Heimatort, sondern eine lebensgefährliche Bedrohung für die Heimatlosen. „Meer der Verzweifelten“ lässt einen Zeuge werden, wie Aktivisten des Vereins „Jugend rettet“ in Seenot geratene Flüchtlinge auf dem Mittelmeer vor dem Ertrinken bewahren. Das Auf und Ab der Wellen kann einen leicht seekrank werden lassen, wenngleich man auch bequem im Sessel sitzt. Auf einmal ist das Leid derer, die sich verzweifelt an den Rand eines Schlauchbootes klammern, das wegen ihrer Last zu kentern droht, nicht mehr eine anonyme Zahl in der Statistik, sondern unmittelbar erfahrbar.

Das Universum in der Brille / Foto: BLM

Ein Gang durch die Gedenkstätte Auschwitz

Doch wie viel Nähe ist zumutbar? Und wie schafft ein VR-Filmer Distanz, wenn die Illusion des Vor-Ort-Seins das Publikum überwältigt? Auch die Macher des WDR-Projekts „Inside Auschwitz“ mussten sich solche Fragen stellen. Sie verzichten auf Archivmaterial. Ihre Kamera schwebt erst über den Ruinen des deutschen Vernichtungslagers, dann zeigt sie die Gaskammern und Krematorien von innen. Gespenstisch menschenleer, wie die Gedenkstätte heute kaum ein Besucher zu Gesicht bekommen dürfte.

Trotzdem ist das noch eher ein Museumsbesuch. Wären da nicht die drei Zeitzeuginnen Anita Lasker-Wallfisch, Philomena Franz und Walentyna Nikodem. Sie berichten vom Alltag in Auschwitz, sprechen einem als stolze Überlebende ins Gesicht, so direkt, dass es sich fast verbietet, ihnen dabei nicht in die Augen zu schauen. Es gibt zahlreiche exzellente dokumentarische Auseinandersetzungen mit dem Holocaust, die tiefer gehen, als es diesem zehnminütigen VR-Experiment schon alleine aufgrund seiner kurzen Dauer möglich ist. Aber als reine Jahrmarktattraktion kann man das nicht abtun. Verdienterweise ist die Doku für einen Grimme Online Award nominiert.

Mit den Augen eines Blinden

Den Preis könnte auch ein weiterer ausgestellter Film gewinnen. In „Notes on Blindness: Into Darkness“ sucht und findet Arte einen künstlerischen Zugang zur Gattung des Dokumentarfilms und zum Medium selbst. Wer weiß, dass der kurze VR-Film zu einer konventionellen abendfüllenden Doku gehört, könnte versucht sein, ihn als Werbe-Gimmick abzutun. Das wäre jedoch ein Fehler. Basierend auf den Tonbandaufzeichnungen eines Erblindenden, gibt die VR-App einen, nun ja, Einblick in die Blindheit.

Ausgerechnet die 360-Grad-Technologie, die doch verspricht, keinen Blickwinkel mehr ungesehen zu lassen, wird genutzt, um zu simulieren, wie es ist, wenn man nichts mehr sieht. Schon die Idee ist großartig schelmisch. Den Zuschauern erscheinen schemenhafte Lichtgestalten, nur um kurz darauf wieder zu verblassen. Nur was der Blinde auch hört, existiert in seiner Welt. Ein faszinierender Beweis, dass sich Virtual Reality nicht darauf beschränken muss, scheinbar unbeteiligt Ereignisse durch Rundumbilder zu beobachten, sondern auch radikal subjektiv sein kann.

 

Das Projekt DOK.fest. VIRTUAL REALITY POP UP KINO wird gefördert von der BLM und dem Mediennetzwerk Bayern

04. – 17.05.2017
freier Eintritt
Öffnungszeiten:
Mo – Fr: 14:00 – 20:00
Sa u. So: 11:00 – 20:00

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