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17.10

Das Fernsehen ist ein langer ruhiger Fluss – ein Blick auf die Programmentwicklung

von Tilmann Gangloff unter TV

Jeder Zuschauer hat seine ganz persönlichen Fernseh-Höhepunkte. Im Vorfeld der 23. Fachtagung des Forums Medienpädagogik in der BLM  („Vom Testbild zum Second Screen“) haben wir den TV-Kritiker Tilmann P. Gangloff um einen Blick auf die Programmentwicklung gebeten. Ein kleiner Vorgeschmack auf das Referat „Let’s watch TV“, das Gangloff auf der Fachtagung am 9. November mit Medienwissenschaftler Dr. Gerd Hallenberger halten wird.

TV-Programmentwicklung: Alles ist wie immer und dennoch völlig anders

Medienpädagogische Fachtagung

Noch sind Plätze frei: Für den 9. November zur 23. Fachtagung des Forums Medienpädagogik anmelden. Foto: BLM

Jeder Zuschauer hat individuelle Erinnerungen an seine ganz persönlichen Fernseh-Höhepunkte. Für die einen sind es Kindheitserinnerungen wie der Mehrteiler „Die Schatzinsel“ (ZDF 1966), für die anderen die Bilder von den einstürzenden „Twin Towers“ in New York (2001). Manche Menschen strukturieren ihre Biografie mit Hilfe der Fußballweltmeisterschaften, bei denen Deutschland bis ins Finale kam. Von solchen Ereignissen abgesehen erscheint das Fernsehen in der Rückschau als langer ruhiger Fluss. Will man die Entwicklung des Programms skizzieren, ergeben sich zwei Kernthesen, die nur scheinbar paradox ist: Alles ist wie immer; und dennoch völlig anders als noch vor ein paar Jahren.

Quizshows – Von „was bin ich?“ zu „Wer wird Millionär?“

Seit es eine auf technischen Medien basierende Freizeitkultur gibt, haben sich bestimmte Grundformen gehalten: Die Menschen möchten wissen, was in der Welt passiert; sie lassen sich von erfundenen Geschichten faszinieren; sie lieben Musik, Tanz und spektakuläre Darbietungen; sie lachen gern; und sie mögen Wettbewerbe. All dies gab es schon in gedruckter Form, auf der Bühne sowie im Radio; und deshalb natürlich auch im Fernsehen. Aber diese verschiedenen Formen der Freizeitkultur traten in immer wieder völlig veränderter Anmutung auf.

Und das lag nicht nur am jeweiligen Medium, sondern vor allem an den jeweiligen sozialen und kulturellen Zeitumständen. Deshalb erfreut sich zum Beispiel das Quiz heute der gleichen Beliebtheit wie vor über sechzig Jahren, als Robert Lembke mit „Was bin ich?“ (1955) erstmals zum „heiteren Beruferaten“ lud. Obwohl beispielsweise „Wer wird Millionär?“ (RTL) im Prinzip ähnlich schlicht konzipiert ist – auch hier geht es um Fragen und Antworten –, liegen optisch und akustisch Welten zwischen den beiden Sendungen.

Familienserien – kontinuierliche Alltagsbegleitung

Lindenstraße

Wer kennt sie nicht? Die ARD-Familienserie „Lindenstraße“ Foto: ARD-Mediathek

Entwicklungen dieser Art lassen sich in sämtlichen Programmbereichen ausmachen. Zieht man wie beim Quiz Vergleiche zwischen alten und neuen Klassikern, sind die Unterschiede natürlich extrem. Betrachtet man die inhaltlichen und formalen Veränderungen jedoch Schritt für Schritt, dann zeigt sich, dass es sich um einen Prozess handelt. Beispiel Familienserie: Am Anfang sollten die Hauptfiguren so etwas wie fiktive Nachbarn des Fernsehpublikums darstellen, was die erste Serie dieser Art – „Unsere Nachbarn heute Abend – Familie Schölermann“ (1954) ­– schon im Titel signalisierte.

Im Laufe der Zeit änderte sich das Bild. Die Familie wurde zusehends problematisch („Die Unverbesserlichen“, ab 1965), die Arbeitswelt wurde einbezogen („Acht Stunden sind kein Tag“, 1972-1973). Ab 1985 wurde mit „Lindenstraße“ die wöchentliche Serie als kontinuierliche Alltagsbegleitung etabliert. Mit „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ änderte sich 1992 nicht nur die Ausstrahlungsfrequenz, sondern auch die Zielgruppe: Nun ging es nur noch um Teenager. Aber selbst das hat sich gewandelt: „GZSZ“ spricht 25 Jahre später vor allem die Fans von einst an; entsprechend älter sind die Zuschauer heute.

Wenn sich die Zielgruppen trennen

Die gleichen Entwicklungsprozesse lassen sich auch in allen anderen Programmgenres erkennen. Beim Krimi zum Beispiel genügt dafür allein der „Tatort“, weil sich Ermittlerfiguren und Erzählweisen seit 1970 radikal verändert haben. Anhand der Unterhaltung wiederum lässt sich belegen, wie stark sich das Fernsehen in unterschiedliche Publika diversifiziert hat. Peter Alexander erreichte mit seinen Shows ab 1969 (bis zu 38 Millionen Zuschauer!) die ganze Familie, aber schon 1965 bekam die Jugend mit „Beat-Club“ eine eigene Sendung. Später trennten sich die Zielgruppen endgültig: hier „Musikantenstadl“ (1981-2015), dort die Videoclipsendung „Formel Eins“ (1983-1990).

Neue Formate im Privatfernsehen

GZSZ - Dailysoap

Mit „GZSZ“ führte RTL 1992 die erste Daily Soap ein. Foto: RTL

Da das Fernsehen immer auch ein Spiegel der Gesellschaft ist, gibt es natürlich zusätzliche Einflussfaktoren außerhalb des Mediums. Sie können politischer wie auch technischer Natur sein, und manchmal lässt sich das eine gar nicht vom anderen trennen. Bestes Beispiel ist die politisch gewollte Einführung der Privatsender 1984. Nachhaltig verändert haben Sat.1 und RTLplus das deutsche Fernsehen erst, als sie nicht nur in den Kabelhaushalten zu sehen waren, sondern auch per Satellit verbreitet wurden.

Entscheidend war in dieser Hinsicht das Jahr 1992, als RTLplus-Programmdirektor Marc Conrad mit „GZSZ“ die erste Daily Soap einführte und mit „Notruf“ das „Reality TV“ etablierte. Eine weitere Premiere ist bis heute womöglich noch folgenreicher: „Hans Meiser“ war nicht nur die erste tägliche Talkshow, hier stammten die Protagonisten auch erstmals aus dem bis dahin passiven Publikum.

Keck warb der Sender, fortan ohne „plus“, mit dem Slogan „RTL hat etwas für das Fernsehen völlig Neues entdeckt. Den Zuschauer.“ Deshalb sieht das Programm aller großen Sender heute komplett anders aus als vor dreißig Jahren; und doch hat es sich im Grunde kaum verändert.

Zur Veranstaltung

Die 23. Fachtagung des Forums Medienpädagogik der BLM findet am 9. November von 10.30 – 16.00 Uhr in der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien statt. Der Titel lautet: „Vom Testbild zum Second Screen: Fernsehen heute und Herausforderungen für die Medienpädagogik. Zum Programm und zur Anmeldung für die kostenlose Fachtagung geht’s hier.

 

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